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Biotech-Finanzierung im DACH-Raum: Schweiz schlägt alle

Nachdem der Branchenverband BIO Deutschland vor einigen Tagen erste Zahlen zur Finanzierung der hiesigen Biotech-Unternehmen für das vergangene Jahr vorgelegt hat, zählte |transkript.de einerseits nach und rechnete andererseits auch in der Schweiz und Österreich zusammen, was an externen Geldmitteln in die Branche geflossen ist. Deutschland hat zwar den höchsten Betrag vorzuweisen, doch auf die Bevölkerung heruntergerechnet führt die Schweizerische Eidgenossenschaft um viele Längen. Und auch Österreich kann per-capita den großen Nachbarn deutlich übertrumpfen.

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Die deutsche Biotechnologiebranche hat 2025 bei der Finanzierung deutlich besser abgeschnitten als man beim allgemeinen Klagelied über die schwierigen Rahmenbedingungen und die Zurückhaltung der Investoren hätte erwarten können.  Während der Branchenverband BIO Deutschland in seiner Erhebung in Kooperation mit EY nur das als Eigenkapital anzusehende Finanzierungsvolumen zählt und dabei auf die Gesamtsumme von 1,787 Mrd. Euro kommt, kann man bei der Betrachtung sämtlicher Einwerbung von externem Kapital (Eigen- und Fremdkapital wie Kredite und Wandeldarlehen) für das vergangene Jahr 2,034 Mrd. Euro ermitteln (Quellen: eigene Erhebung und iito Business Intelligence). Bei BIO Deutschland lag das Volumen um rund sieben Prozent unter dem Vorjahreswert von 1,917 Mrd. Euro, zeigte aber nach den deutlich schwächeren Jahren 2022 und 2023 eine Stabilisierung auf dem hohen Niveau von wiederum fast 2 Mrd. Euro – worauf auch die transkript-eigene Erhebung hindeutet, bei der Kapital vor allem als „Working Capital“ angesehen wurde, womit die Firmen also an ihren Produktentwicklungen weiterarbeiten können.

Getrieben wurde das Ergebnis vor allem von börsennotierten Unternehmen, die mehr als die Hälfte des Finanzvolumens über Kapitalerhöhungen und andere Maßnahmen auf dem Aktienmarkt erzielen konnten, während die Finanzierungen durch VC-Gesellschaften etwas schwächer als im Jahr 2024 ausgefallen sind. Die Schwierigkeit der Einteilung nach Eigen- oder Fremdkapital wird am Beispiel Qiagen deutlich. Das Unternehmen trägt mit einem Wandeldarlehen über 643 Mio. Euro den mit großem Abstand größten Betrag für das Segment der börsennotierten Firmen bei. Doch ist dieses Darlehen zunächst eigentlich Fremdkapital, das mit Zinsen bezahlt werden muss, und wird erst in seiner späteren Form des Wandels in Aktienpapiere zum Eigenkapital.

Die Tatsache, dass es Qiagen relativ einfach möglich war, eine so große Summe über die Börse mobilisieren zu können, sollte daher stärker in den Fokus gerückt werden, als finanzinstrumentelle Feingliedrigkeit. Noch dazu, da über solche Wandeldarlehen, Anleihen oder auch sogenanntes Stand-by-Equity (SEPA) einige deutsche Biotech-Unternehmen (inklusive Qiagen) die gewaltige Summe von 1,05 Mrd. Euro gewinnen konnten, sollte man die schuldenfinanzierte Geldeinwerbung nicht ausklammern, sondern als deutliche Form eines Vertrauensbeweises in die Branche ganz bewusst kenntlich machen.

Die Zusammenfassung des Branchenverbandes bleibt dabei richtig, dass man trotz guter Zahlen sehr genau hinsehen muss. „Trotz eines schwierigen Finanzierungsumfelds ist es unserer Branche wieder gelungen, mehr als 1,7 Mrd. Euro einzuwerben. Das ist ein positives Signal“, sagte Roland Sackers, Vorstandsvorsitzender von BIO Deutschland. Positiv wertete er insbesondere die vergleichsweise hohe Zahl an Seed-Finanzierungen. Schwächer ausgefallen sei jedoch die Wachstumsfinanzierung: „Außer der Rekord-Serie C von Tubulis gab es nur wenige, meist zweistellige Runden.“ Vor diesem Hintergrund betonte Sackers die Bedeutung geplanter großer Wachstumsfonds auf EU- und Bundesebene.

Auch BIO Deutschland-Geschäftsführerin Viola Bronsema sieht Licht und Schatten. „Das ist eine erfreulich positive Entwicklung“, sagte sie, verwies jedoch auf den internationalen Vergleich und dabei insbesondere auf die weit führenden USA. „Neben privatem Kapital ist Geschwindigkeit die weitere kritische Größe“, so Bronsema, um damit auf die dringend notwendigen Reformen zur Beschleunigung bei Digitalisierung, Regulierung und Genehmigungen hinzuweisen.

Vergleich im DACH-Raum

Da der Vergleich mit den USA immer deutlich hinkt und man gegebenenfalls noch Gesamt-Europa mit den trotzdem führenden USA vergleichen kann, lohnt es sich für Deutschland, auf die europäischen Nachbarn zu blicken.  In der Erhebung für die Schweiz und Österreich (|transkript wiederum gemeinsam mit iito Business Intelligence sowie für Österreich mit Unterstützung von Biotech Austria), zeigt sich dabei, dass der Blick nicht unbedingt über den großen Teich gehen muss. Schon über den Bodensee hinweg zeigt die Schweiz, dass sie Deutschland bei der Finanzierung des Biotech-Ökosystems weit enteilt ist. Hierbei liegt bereits die schlichte Gesamtsumme an sämtlichem externen Kapital erstaunlich nah bei der Summe aus Deutschland: die Schweizer Unternehmen erhielten insgesamt 1,5 Mrd Euro. In 24 Ereignissen waren dies im Durchschnitt je 65 Mio. Euro, eine bemerkenswerte Größenordnung für ein Land von neun Millionen Einwohnern. Dabei gelangen sowohl IPOs (wie der der Antibiotikafirma BioVersys AG), Kapitalerhöhungen, Anleihen und weitere Finanzierungsinstrumente für die börsennotierten Unternehmen. Daneben glückte aber auch eine Reihe hoch-zweistelliger oder sogar dreistelliger Finanzierungsrunden von privaten Unternehmen wie Winward Bio oder Mosanna Therapeutics.

Besonders deutlich wird der Stellenwert von Pharma und Biotechnologie für die Schweiz, und welches Engagement  alle Beteiligten dort an den Tag legen, auch bei der Umrechnung auf die Bevölkerung. Hier erzielen die Schweizer Unternehmen den mehr als sechsfachen Wert gegenüber dem großen Nachbarn Deutschland, 165 Euro versus nur rund 24 Euro je Einwohner in der Bundesrepublik. Das ähnlich große Alpenland Österreich vermag mit einer deutlich geringeren Zahl an Biotech-Unternehmen Deutschland in der Kategorie „per-capita“ ebenfalls zu übertreffen: mit dem doppelten Wert (rund 51 Euro pro Bewohner).

Die Mischung macht’s

Während die Schweiz und der dortige Verband gern ein Bild einer Branche zeichen, das zu rund 80-90% von privaten Firmen geprägt sei und die börsennotierte Biotech-Firma eher die Ausnahme bilde, teilen sich beide Sektoren (öffentlich/privat) die Anzahl an externen Finanzierungsereignissen etwa gleichermaßen auf. Bei den eingeworbenen Summen stellen sich die Verhältnisse anders dar: die börsennotierten Unternehmen (zum Teil an der US-Nasdaq gelistet) können etwa 2/3 der Gesamtsumme (also rund 1 Mrd. Euro) auf sich vereinigen, die privaten Biotechs rund 500 Mio. Euro.

Eine hohe zweistellige Finanzierungsrunde war im vergangen Jahr in der Schweiz eher die Regel als die Ausnahme, und dies auch bereits in frühen Phasen der Unternehmensentwicklung. Doch auch kleinere Finanzierungsrunden von 5–20 Mio. Euro fanden in der Schweiz statt, was auf eine gesunde Mischung des Kapitalbedarfs hinweist.

Das sieht beim Blick auf Deutschland etwas anders aus. Dort haben die privaten Firmen Tubulis und ITM, beide aus der Region München, zusammen über 570 Mio. Euro externes Kapital einwerben können. Damit machen sie fast 75% des gesamten in die bayerische Biotech-Region gehenden Betrages aus (insgesamt 777 Mio. Euro). Allein diese beiden Firmen tragen so rund ein Viertel der Gesamtsumme in Deutschland bei. Ein solches Übergewicht von wenigen Firmen sieht man sonst – neben dem Tanker Qiagen, der mit dem hohen Millionen-Wandeldarlehen natürlich auch Nordrhein-Westfalen dominiert – nur noch in Berlin. Die Region profitierte im vergangenen Jahr von mehreren Kapitalmaßnahmen von Atai Life Sciences, die nun jedoch den europäischen Hauptsitz nach Amsterdam verlegt haben und zukünftig zur DACH-Statistik nicht mehr beitragen werden.

Auch Österreich hat ein solches Großschiff in seiner Zahlenreihe: die Impfstoff-Firma Valneva, die ebenfalls über die Börse ein hohes Wandeldarlehen aufnehmen konnte und damit die Gesamtsumme von Felix Austria fast vollständig, nämlich zu 90% darstellt. Die östliche Alpenrepublik hatte mit der BIO Europe in Wien zwar international einen mächtig guten Eindruck hinterlassen. Auf der Finanzierungsebene hatte diese für die vielen kleineren Unternehmen 2025 jedoch noch keine positive Auswirkung, vielleicht ist hier für das laufende Jahr noch eine Art Nach-Effekt zu erhoffen.

Dass die Schweiz und auch Österreich bei der vergleichenden Betrachtung der Bevölkerung in den einzelnen Ländern deutlich vor Deutschland stehen, sollte zu denken geben, ob die Bundesregierung  diese Zeichen wirklich erkennt. Dass es nicht nur in Koalitionspapieren schöne Worte zur Biotechnologie braucht, sondern ein sehr viel kräftigeres gemeinsames Vorgehen erforderlich ist, um schon mit den nächsten Nachbarländern mithalten zu können. Die Schweizer Bundesregierung lehnt es dabei beispielsweise ab, einzelnen Branchen besondere Rahmenbedingungen zu bieten, ein aktueller Antrag, doch einmal die Pharmabranche als Schwerpunkt ins Visier zu nehmen, wurde vor wenigen Wochen nur halbherzig und nach vielem Hin und Her zur Beratung zugelassen. Die Schweiz rangiert jedoch regelmäßig ganz vorne und das schon seit vielen Jahren, wenn unterschiedliche Institute das globale Innovationsranking erheben.

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